ERASMUS-Projekt: "Jetzt erst recht!"

Interview mit Gertraut Binder-Catina, Fachlehrerin für Deutsch und Englisch und Initiatorin für das YEMA-Projekt an der Johann-Michael-Sailer-Schule in Ingolstadt

Was war der Auslöser, Erasmus an die Johann-Michael-Sailer-Schule nach Ingolstadt zu holen?

Gertraut Binder-Catana: Die Idee entstand vor zwei Jahren bei einer eTwinning-Schulung in Neuburg. Über die Internetplattform eTwinning tauschen sich Schüler und Lehrer in ganz Europa aus. Beim Seminar habe ich Leute getroffen, die für ein gemeinsames Erasmus-Projekt Partner suchten. Zunächst haben wir uns an eine bestehende Gruppe angehängt. Das Projekt, das eine polnische Schule koordiniert hatte, wurde aber von der EU nicht bewilligt. Und da dachte ich mir: Jetzt erst recht!

Ihre Partnerschulen sind in Polen, Portugal, Lettland und Slowenien. Haben Sie die Partner selbst ausgesucht?

Wir haben uns gefunden. Bei einem Kontakte-Seminar Ende Oktober 2015 in Schwerin, organisiert vom Deutschen Akademischen Austauschdienst. Zu so einem Seminar kommen Schulvertreter, die Partner für Erasmus-Programme suchen. Man bekommt viel Input, entwickelt Projektideen und sucht dann Partner. Etwa wie bei einem Speed-Dating. Dort ist der Funke entstanden. Jetzt muss ein Feuer oder sogar ein ganzer Flächenbrand daraus werden!

YEMA steht für Young Europeans on the move by active learning and teaching, also Junge Europäer in Bewegung durch aktives Lernen und Lehren. Was bedeutet Bewegung für Sie?

Bewegung impliziert Veränderung. Wir wollen mit diesem Projekt etwas bewegen. Bewegung nach außen, indem wir uns öffnen und andere Lernmethoden ausprobieren. Aber auch Bewegung innerhalb der Schule, etwa durch klassenübergreifende Projekte. Auch körperliche Bewegung: Unsere polnische Partnerschule ist stark in Badminton. Beim letzten Treffen in Polen 2018 wird der internationale YEMA-Badminton-Cup stattfinden.

Lernen die Schüler in anderen Ländern denn anders?

Gerade in den Klassen 5 bis 8 wird Lernen nach und nach langweilig, die Pubertät schlägt da voll durch. Das ist überall so. Wir müssen mehr über alternative Methoden nachdenken. Daher schauen wir uns von unseren Partnern ab, welche Lernmethoden dort erfolgreich sind. Die Slowenen zum Beispiel sind sehr stark in School-outside-Aktivitäten, also Unterricht nach draußen zu verlagern. Biologieunterricht findet dann nicht in der Schule, sondern je nach Thema eben vor Ort statt. Sie lernen auch viel anhand von Modellen, die sie in Teams selbst bauen.

Was wollen Sie mit dem Projekt erreichen?

Wir wollen das Interesse an naturwissenschaftlichen Fächern stärken und die Schüler mehr an „grüne“ Berufe heranführen. Natürlich spielt Europa eine große Rolle. Die Schüler sollen sich mehr als europäische Bürger verstehen. Mit YEMA verlassen unsere Schüler die Klassenzimmer und erkunden ihre Nachbarschaft, ihre Region und ihre Union. Wir erfahren ja Europa von der Westküste bis hoch ins Baltikum!

Und konkret für die Johann-Michael-Sailer-Schule in Ingolstadt?

Ich wünsche mir, dass noch mehr Bewegung in unsere Schule kommt. Auch innerhalb des Kollegiums, zum Beispiel mit einem klassenübergreifenden Projekttag pro Schuljahr. Dass unsere Schule noch offener wird als sie es ohnehin schon wird. Und dass wir uns trauen, auch andere Wege zu gehen.

Wie sieht der Austausch konkret aus?

Beim Kick-Off hier in Ingolstadt stellt jede Schule ihre Lernmethoden vor, also abseits vom Frontalunterricht. Die bewährten Methoden erproben wir in den Projektwochen, die simultan an allen Schulen stattfinden. In solchen Themenwochen kann man vieles in kurzer Zeit erreichen. Ihre Erfahrungsberichte stellen die Schüler in Form von Videoreports auf die Plattform eTwinning. Natürlich auf Englisch. Das ist viel besser als Englisch nach Lehrbuch!

Warum setzen Sie sich so sehr für das europäische Projekt ein?

Ich finde, dass wir heutzutage neue Wege gehen müssen, wie Kinder auch in internationalen Teams miteinander lernen können. Und ich habe selbst gesehen, dass es funktioniert: Mit eTwinning habe ich zum ersten Mal erlebt, dass Schüler nicht in die Pause gehen wollen.

Schüler verzichten freiwillig auf ihre Pause? Was ist da genau passiert?

Die Schüler sollten sich anhand einer selbst erzählten Geschichte auf eTwinning vorstellen. Sie haben diese Geschichte über sich in Bildern erzählt und darüber einen Film gedreht. Da meine Schüler gemerkt haben, dass die anderen Kinder bei eTwinning genauso schlecht Englisch sprechen, haben sie sich plötzlich getraut. Dabei ist im Team etwas Tolles entstanden.

Wie geht es nach dieser strategischen Schulpartnerschaft, die im Juni 2018 endet, weiter?

Wir wollen neue Methoden ausprobieren und vielleicht ja dann diese Art des Lehrens beibehalten. Erasmus selbst ermutigt die Teilnehmer, längerfristige Partnerschaften einzugehen. Also auch über die Projektzeit hinaus. Mal sehen, was sich daraus weiter entwickelt. Alles ist offen!

 

Das Interview führte Nicole Kraß, freie Journalistin