Für Konstantin hat sich in den vergangenen Monaten vieles verändert. Der sechsjährige Junge besuchte bis zu den Sommerferien die Heilpädagogische Tagesstätte (HPT) Kleine Heimat in Münchsmünster, die unter Trägerschaft des Pädagogischen Zentrums Ingolstadt steht. Nach mehreren schwierigen Erfahrungen in unterschiedlichen Betreuungseinrichtungen fand er dort einen Rahmen, in dem er sich sicher fühlte aber auch Grenzen kennenlernen und große Entwicklungsschritte machen konnte. Im September steht nun der nächste Schritt an: Konstantin kommt in die Schule. Neun Kinder gehören zur HPT-Gruppe, alle mit unterschiedlichen Diagnosen und Bedürfnissen. Für Konstantin war der Weg dorthin nicht einfach. Nach der Krippe, in der die Eingewöhnung zunächst nur draußen möglich war, besuchte er ein Jahr lang einen Regelkindergarten. Auch dort tat er sich schwer. Der anschließende Waldkindergarten erwies sich schließlich als der völlig falsche Rahmen.
Übergang in die Schule mit einer Schulbegleitung
Nach einer umfassenden Diagnostik wurde bei Konstantin eine Autismus-Spektrum-Störung festgestellt, später kam die Diagnose ADHS hinzu. Ein halbes Jahr war er anschließend zu Hause. Der Wechsel in die HPT im vergangenen Sommer wurde für die Familie zum Glücksfall. „Der Start war ganz sanft und er hat ihn sehr gut geschafft“, sagt die Mutter. Seitdem habe es „riesige, positive Veränderungen“ gegeben.In der Gruppe kann Konstantin heute am gemeinsamen Alltag teilnehmen. Kalender, Tagesplan und feste Abläufe geben Orientierung. Wenn es ihm zu viel wird, stehen Rückzugsmöglichkeiten zur Verfügung – etwa ein Nebenraum. Wichtig ist dabei, dass er sich weiterhin innerhalb der Gruppenräume bewegt und lernt, Grenzen wahrzunehmen und zu akzeptieren. „Wir versuchen, seine Bedürfnisse wahrzunehmen, ihm aber gleichzeitig auch Grenzen aufzuzeigen“, sagt Andrea Ostermeier, Leiterin der HPT. Das sei nicht nur für den Alltag wichtig, sondern auch mit Blick auf den bevorstehenden Übergang in die Schule. Den wird Konstantin mit einer Schulbegleitung an seiner Seite erleben, die er im Vorfeld schon in der gewohnten Umgebung der HPT kennenlernen durfte. „Optimal“, wie die Mutter findet.
Deutlich zu spüren: “Er ist angekommen”
Zum Alltag gehören aber nicht nur Regeln und Struktur. Beim gemeinsamen Spiel vom „Zauberer Schrappelschrut“ schlüpfen die Kinder beispielsweise in die Rollen von Tieren. Konstantin macht inzwischen mit, fügt sich in die Gruppe ein und darf in dieser Woche sogar das „Tageskind“ sein. Der Beziehungsaufbau habe Zeit gebraucht und sei nicht immer einfach gewesen, sagt Ostermeier. Heute sei aber deutlich zu spüren: „Er ist angekommen.“Auch zu Hause braucht Konstantin klare Strukturen. Sanduhren helfen, den Tag zu visualisieren, ebenso ein Tagesplan. Nach der HPT benötigt er zunächst eine halbe Stunde Ruhe. Wird es zu viel, kann es zu einem sogenannten Meltdown kommen. Dann schreit er, manchmal kommen Kopf- oder Bauchschmerzen hinzu. „Man kann dann nicht viel tun. Man muss einfach dabei sein und ihn begleiten“, berichtet seine Mutter. Auch ein Fluchtreflex könne auftreten, wenn die Reize zu viel werden. Deshalb sei es wichtig, Konstantin gut zu kennen und Überforderung möglichst früh zu erkennen.
Die Familie hat gelernt, offen mit der Situation umzugehen. „Man muss offen sein, sonst funktioniert es nicht“, sagt die Mutter. Inzwischen erlebe sie viel Verständnis, wenn sie anderen Menschen erkläre, was Autismus für Konstantin bedeutet. Auch sein älterer Bruder ist Autist, bei ihm wurde das Asperger-Syndrom allerdings erst im Alter von zwölf Jahren erkannt. Beide Kinder haben ein großes Hilfsnetzwerk – für die Familie unverzichtbar.
Besonders deutlich zeigt sich Konstantins Entwicklung in seiner Kommunikation. „Er hat gelernt, hinterher zu sagen und zu erklären, was das Problem war. Das war vor einem Jahr noch nicht möglich“, erzählt die Mutter. Für sie ist das ein Zeichen dafür, wie gut ihm die HPT tut. Auch die Therapien finden direkt vor Ort statt. Das entlastet nicht nur Konstantin, sondern die ganze Familie.
“Er hätte keinen besseren Platz bekommen können.”
Für den Schulstart wünscht sich die Familie vor allem einen Platz an dem Konstantin wieder ankommen und sich wohlfühlen kann. Ein Schulbegleiter ist angedacht. Bis dahin ist klar: „Er hätte keinen besseren Platz bekommen können“, sagt seine Mutter. Die Zeit in Münchsmünster sei ein Geschenk für die ganze Familie gewesen.
Jetzt beginnt für Konstantin ein neues Kapitel. Was bleibt, sind die Erfahrungen aus einem Jahr, in dem er gelernt hat, sich in einer Gruppe zurechtzufinden, Grenzen anzunehmen, Beziehungen aufzubauen – und immer besser auszudrücken, was in ihm vorgeht.
