Olga, du hast ja bereits jahrelange Erfahrung als Psychologin – auch schon vorher am PZ. Welche Perspektiven sind dir in der Arbeit mit den Familien besonders wichtig?
Olga Paul: Wenn Familien zu mir kommen, schauen wir zuerst gemeinsam hinter die eigentliche Frage. Geht es um eine konkrete Diagnostik oder primär um das emotionale Wohlbefinden im Alltag? Die passenden Methoden entwickeln wir dann ganz individuell im Erstgespräch. Ein Knackpunkt ist oft die Entscheidung, ob wir direkt mit dem Kind arbeiten oder die Eltern stärken. Viele Eltern spüren eine Hilflosigkeit – genau da setzen wir an. Wichtig ist: Lieber frühzeitig kommen! Je länger man wartet, desto verfahrener fühlen sich die Situationen oft an. Frühzeitige Beratung ist wie ein Befreiungsschlag für das ganze Familiensystem.
Welche spezifischen Herausforderungen siehst du in der Erziehungsberatung momentan als besonders relevant an?
Ich begleite derzeit viele Familien, in denen Unsicherheiten des Kindes durch ein sehr starkes 'Kompensieren' der Eltern aufgefangen werden sollen. In der gemeinsamen Arbeit liegt der Fokus darauf, die Eltern darin zu stärken, ihr Kind auf eine Weise zu begleiten, die dessen Selbstwertgefühl und Selbstständigkeit wieder wachsen lässt. Hinter dem übermäßigen Unterstützen stehen häufig tiefsitzende Ängste der Eltern, ihrem Kind nicht genug zu ermöglichen oder es nicht ausreichend zu schützen. Paradoxerweise führt genau dieses gut gemeinte Verhalten oft zu Unzufriedenheit oder Wutanfällen beim Kind – ein Zeichen dafür, dass es sich weniger kompetent und weniger wirksam erlebt. Aber jeder Fall ist einzigartig, es gibt also kein Schema F. Wir schauen uns immer sehr genau an, was diese spezifische Familie gerade braucht, um zu einem gelasseneren, vertrauensvolleren Miteinander zu finden.
Du bist zusätzlich systemische Therapeutin und Traumatherapeutin. Wie fließen diese Schwerpunkte in deine tägliche Praxis ein?
In der systemischen Arbeit steht der Mensch niemals isoliert im Raum, sondern immer im Kontext seiner Beziehungen – im Zusammenspiel mit Familie, Kindergarten, Schule oder anderen wichtigen Bezugssystemen. Entscheidend ist die Frage: Wie beeinflussen sich alle gegenseitig? In der Traumatherapie kommt es besonders darauf an, zunächst einen sicheren Rahmen zu schaffen. Bevor wir uns den belastenden Erfahrungen zuwenden, geht es um Stabilisierung: Wir stärken die Persönlichkeit, fördern innere Sicherheit und bauen ein tragfähiges Fundament auf. Erst wenn der Klient sich ausreichend gefestigt fühlt, öffnen wir behutsam den Raum für die schweren Themen. Dann suchen wir gemeinsam nach neuen Wegen, das Erlebte zu integrieren und wieder mehr Handlungsspielraum im Alltag zu gewinnen.
Wenn du in einem Satz beschreiben müsstest, was dir an deiner Arbeit besonders am Herzen liegt, was wäre das?
Am schönsten ist für mich der Moment, wenn ich am Ende einer Beratung sehe, dass die Last abgefallen ist und die Lebensfreude in die Familie zurückkehrt, wenn ein Mensch spürt, dass er wieder handlungsfähig und mutig ist und Vertrauen in sich selbst gewinnt. Wenn man erkennt: Ich kann meinen Weg wieder selbst gestalten.
Olga Paul berät im Familientreffpunkt MONIKA (Stargarder Straße 17) jeden letzten Freitag im Monat, 9 - 13 Uhr, Anmeldung unter: feb@pz-in.de, 0841 4913 165.
Die Familien- und Erziehungsberatung des Pädagogischen Zentrums richtet sich an Familien, Eltern und Großeltern sowie an Jugendliche. Das Angebot ist für Ingolstädter Familien kostenfrei. Erfahren Sie hier mehr.
